Zwei Angebote für Studierende vom Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien


 

Analyse des Meinungsbildungsprozesses zur Fristenlösung 1975 – Angebot für Studierende

 

Vor 37 Jahren, im Jahre 1974, wurde das österreichische Strafgesetzbuch novelliert. Eines der wichtigsten Themen betraf die Frage, ob und ggf. wie das Verbot des Schwangerschaftsabbruches gelockert werden sollte. Mit Vehemenz vertraten unterschiedliche Gruppierungen ihre weltanschaulichen Positionen und kämpften um Einfluss. Die Bandbreite der Vorschläge reichte von einem Aufrechterhalten des Verbotes (mit Kriminalisierung der betroffenen Frau) über ‚mechanistische’ Lösungen (Arbeitsentlastung bei der Versorgung des Kindes) bis zur Indikationenlösung (Die ‚richtige’ Begründung wird mit einer Abbrucherlaubnis ‚belohnt’).

 

Der Ausgang des Ringens ist bekannt: Am 1. Jänner 1975 trat in Österreich die Fristenlösung in Kraft; danach ist der Schwangerschaftsabbruch vor der 16. Schwangerschaftswoche (innerhalb von 3 Monaten nach der Einnistung) straffrei, wenn er von einem Arzt/Ärztin durchgeführt wird.

 

Die Medien bildeten die öffentliche Diskussion je nach eigenem Standort ab und ergriffen Partei. Durch eine Analyse der gewählten Inhalte und des journalistischen Instrumentariums lässt sich eine Korrelation der Berichterstattung mit der Blattlinie und den nahe stehenden Gruppierungen nachzeichnen.

 

Unser Archiv umfasst ca. 1100 Einzelartikel aus österreichischen Medien aus den Jahren 1973 bis 1976. Veröffentlichungen über den Ablauf des Meinungsbildungsprozesses aus unserer Bibliothek liefern strukturelle Informationen zur sachlichen Zuordnung der Belege.

 

Studierende sind eingeladen, das vorhandene Material im Rahmen akademischer Fragestellungen zu bearbeiten. Wir bieten kostenfreien Zugang zu unserem (nicht-öffentlichen) Archiv und unserer (nicht-öffentlichen) Bibliothek sowie fachliche Unterstützung. Bei Bedarf kann ein Arbeitsplatz benützt werden.

 

 

 


 

Analyse von Ablauf und Meinungsbildung von Abtreibungsprozessen: ‚Hexenjagd’ in Memmingen, 1988-1989. Angebot für Studierende

 

1976 wurde in Deutschland der Schwangerschaftsabbruch straffrei, wenn eine medizinische, kriminologische, eugenische oder soziale Indikation vorliegt. Vor dem Eingriff muss die Frau eine Pflichtberatung absolvieren, die häufig als verletzend und unangenehm empfunden wird. Je nach Bundesland (bzw. nach der vorherrschenden Konfession) wird den Frauen der Zugang zum Abbruch erleichtert oder erschwert.
In der bayrischen Stadt Memmingen, wo der Schwangerschaftsabbruch in den 1980er-Jahren von Amts wegen behindert wurde (durfte nur stationär durchgeführt werden), führte ein Frauenarzt im Interesse der Frauen Abbrüche ambulant und ohne die vorgeschriebenen bürokratischen Hindernisse durch. Er wurde angezeigt; seine Patientenkartei wurde unter Umgehung von Rechts- und Verfassungsvorschriften an die Staatsanwaltschaft ausgefolgt, was eine Verletzung des Arztgeheimnisses darstellte. Aufgrund der Unterlagen wurden gegen 279 Frauen und 78 Männer Ermittlungen wegen illegalem Schwangerschaftsabbruch oder Beihilfe dazu eingeleitet. Die meisten endeten mit einem Strafbefehl. Nur wenige der Verurteilten legten Einspruch ein und riskierten ein öffentliches Gerichtsverfahren. 156 Frauen wurden als Zeuginnen vorgeladen, ihre Namen wurden im Prozess verlesen, 79 von ihnen wurden vor Gericht vernommen und zu intimsten Details teilweise öffentlich befragt, den restlichen 77 blieb schließlich zumindest der Auftritt vor Gericht erspart. Der Arzt kam erst durch eine Kaution von 300 000 Mark aus der Untersuchungshaft frei.
Die Amtsrichter von Memmingen verweigerten in den Prozessen die gesetzlich vorgeschriebene Beiziehung ärztlicher Gutachter, da sie meinten, selbst – und noch dazu viele Jahre danach – erkennen zu können, dass es in allen Fällen für die Frauen zumutbar gewesen wäre, ihre Schwangerschaft auszutragen und die Kinder dann zur Adoption oder für Heime freizugeben. Nicht einmal der drohende Verlust des Arbeitsplatzes oder die Abhängigkeit von Sozialhilfe begründeten aus ihrer Sicht eine Notlage.

Die so genannten Memminger Prozesse dauerten fast zwei Jahre (1988/1989) und wurden von den Medien intensiv beobachtet: Die Verfahren fielen in die Zeit einer aufgeheizten politischen und gesellschaftlichen Debatte um die Rechtmäßigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Aus dem Privatarchiv einer deutschen Hörfunk-Journalistin erhielten wir ein großes Konvolut von Korrespondenzen, Aufrufen, Zeitungsartikeln, Theaterstücken, Büchern zu den Memminger Prozessen, die bis jetzt nur inventarisch erfasst aber nicht inhaltlich aufgearbeitet sind.

 

Studierende sind eingeladen, das vorhandene Material im Rahmen akademischer Fragestellungen zu bearbeiten. Wir bieten kostenfreien Zugang zu unserem (nicht-öffentlichen) Archiv und unserer (nicht-öffentlichen) Bibliothek sowie fachliche Unterstützung. Bei Bedarf kann ein Arbeitsplatz benützt werden.

 

 

 


 

 Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Mariahilfer Gürtel 37, 1150, Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 h, oder unsere Homepage de.muvs.org und unsere Facebookseite http://www.facebook.com/eMUVS.